Logo

 36. Int. ADAC Bergrennen Mickhausen
(1.-2.10.2016)

von Jan Hettler (Text & alle Fotos)

Warum ein Bericht über ein Bergrennen, wo hier doch sonst nur über Rundstreckenrennen berichtet wird?

Nun, Starterder Autor dieser Zeilen war früher öfter am Berg anzutreffen, weil man dort als Zuschauer ganz nah am Geschehen sein konnte. Die Fahrer waren zugänglich, es herrschte eine fast familiäre Atmosphäre. Schon damals waren Bergrennen eine bedrohte Spezies und inzwischen sind sie in Deutschland komplett aus den Alpen verdrängt worden.

Um zu sehen, wie es heute um die Bergrennszene bestellt ist, bot sich das Bergrennen in Mickhausen im flachen Voralpenland in der Nähe von Augsburg an, dem Saisonabschluss der Deutschen Berg Meisterschaft.

 

Während Bergrennen vor allem in unseren östlichen Nachbarländern florieren, haben es die Organisatoren in Süddeutschland immer schwerer, ihre Gemeinderäte für Motorsport zu begeistern. Eine Ausnahme ist die Gemeinde Mickhausen und vor allem die Einwohner des Ortsteils Münster, die den Wettbewerbsteilnehmern seit 1964 wortwörtlich Tür und Tor öffnen. Garagen und Scheunen werden leergeräumt, um für Rennfahrzeuge Platz zu schaffen. Die ausländischen Gäste werden besonders herzlich empfangen, und so kommen Teilnehmer aus der Schweiz, Frankreich, Italien und Österreich, trotz einer Terminkollision mit Cividale im italienischen Friaul (wo auch das Finale zur österreichischen Bergstaatsmeisterschaft ausgetragen wird).

EscortIn Mickhausen geht es um die Entscheidungen in mehreren Meisterschaften: dem FIA International Hillclimb Cup, der Deutschen Berg-Meisterschaft und dem DMSB Berg-Cup. Ein bunt gemischtes Feld von 163 Fahrzeugen findet sich in Mickhausen ein. Von seriennahen Tourenwagen über die Youngtimer der Gruppe H bis hin zu offenen Rennsportwagen und Formelautos, hier ist für jeden etwas dabei. Publikumslieblinge sind die schnuckeligen Fiat 500, die NSU TT, die Opel Kadett C oder die Lancia Delta Integrale, doch am spektakulärsten sind die speziell für den Berg ausgelegten Rennboliden, die um den Gesamtsieg fahren. Hier werden auf einer normalen Verkehrsstrasse Geschwindigkeiten erzielt, die einem den Atem stocken lassen. Allein der Gedanke, mit kalten Reifen auf einer Strecke, die man im Training höchstens dreimal gefahren ist, gleich ab der ersten Kurve ans Limit zu gehen, würde die meisten Rundstreckenpiloten erschaudern lassen.

 

Der Samstag ist sonnig und warm, beste Bedingungen für schnelle Trainingszeiten. Ideal auch für einen Wochenendausflug, und so finden sich die Zuschauer zahlreich ein und sorgen für eine tolle Atmosphäre. Viele Familien mit Kindern sind dabei, selten ist ein Waldspaziergang so spannend. Motorsport zum Anfassen: für viele der jungen Fans sicherlich ein prägendes Erlebnis.

Paddock

NSU
Berguerand-Lola

Die Strecke ist zwar nur 2200 Meter kurz und mit 79 Metern Höhenunterschied relativ flach, dafür aber sehr schnell und mit einigen technisch hoch anspruchsvollen Passagen gespickt. Im formelfreien Lola FA99 knackt der Schweizer Eric Berguerand als Einziger die 50-Sekunden-Marke und holt sich die Trainingsbestzeit vor seinem Landsmann Marcel Steiner, der seinen breiten LobArt-Mugen LA01 Rennsportwagen äusserst spektakulär um die Ecken treibt. Drittbeste Zeit legt der italienische Routinier Fausto Bormolini im Reynard F3000 hin, dahinter folgen mit Uwe Lang (Osella PA20) und Frank Debruyne (Dallara F3) die Titelanwärter um den DMSB Berg-Cup. Chancen auf den Gesamtsieg rechnen sich auch der Schweizer Reto Meisel im spektakulären Mercedes SLK 340 Judd V8 Silhouette und der Italiener Renzo Napione im Reynard F3000 aus, die Sechst- und Siebtschnellsten.

 

Regnerisches Wetter am Sonntag lässt die Entscheidung um den Tagessieg zur Lotterie werden, denn die Bedingungen sind nicht für alle gleich. Drei Rennläufe sind zu absolvieren, die Addition der Zeiten entscheidet. Nun heisst es Nerven bewahren. Ohne sich auf die rutschige Strecke einstellen zu können, muss nun jeder für sich selbst entscheiden, wieviel Risiko er eingehen will. Nicht alle kriegen das hin, aber glücklicherweise gehen die diversen Abflüge glimpflich aus.


In den Kampf um die Tagesbestzeit greifen plötzlich Fahrer ein, die keiner auf der Rechnung hatte. Im zweiten Lauf legt der Schweizer Romeo Nüssli im Ford Escort Cosworth auf abtrocknender Strecke eine sensationelle 1:00.258 hin, fast eineinhalb Sekunden schneller als die Bestzeit von Eric Berguerand aus dem ersten Lauf. Die favorisierten Sport- und Rennwagen gehen zuletzt an den Start, sicherlich werden auch sie ihre Zeiten deutlich verbessern können. Und tatsächlich, Marcel Steiner kontert im LobArt-Mugen mit einer 0:59.037 und setzt sich an die Spitze.

Doch als die Rennwagen nach einer Rennunterbrechung an die Startlinie rollen, geht ein heftiger Regenschauer nieder. Renzo Napione im Reynard F3000 stellt seinen Motor ab und verzichtet: bei diesen Bedingungen ist ein Sieg unmöglich, das Risiko eines Abflugs dafür umso realer. Sein Landsmann Fausto Bormolini tut es ihm gleich, nur der unerschrockene Eric Berguerand will es wissen. In eine riesige Gischtwolke gehüllt, tänzelt sein Lola in 1:03.882 die Strecke hinauf, eine unglaubliche Leistung! Trotzdem rutscht er hinter Nüssli auf Platz drei ab. Doch es kommt ja noch Lauf 3, wo die Entscheidung nun zwischen diesen drei Schweizern gefällt wird.

Nüssli-Escort
Marcel Steiner

Nüssli legt im Escort eine 1:02.689 vor. Marcel Steiner könnte es im LobArt mit einer Sekunde Puffer etwas ruhiger angehen lassen, doch er greift erneut voll an … und verliert: Dreher im Streckenabschnitt Karussell. Nun ist es an Eric Berguerand und seinem Lola F3000. Wieder ist die Strecke nach einem Regenguss besonders nass und wieder geht er ans absolute Limit. Die Uhren bleiben bei 1:00.329 stehen, gerade einmal fünf Zehntel fehlen auf den Tagessieg!

Was die offenen Meisterschaftsentscheidungen angeht, schnappt sich Uwe Lang den DMSB Berg-Cup für Sportwagen, die Deutsche Berg-Meisterschaft wird zugunsten von André Wiebe im Renault Laguna entschieden und die Italienerin Gabriella Pedroni sichert sich mit ihrem Mitsubishi Lancer Evo 8 den FIA International Hillclimb Cup in der Kategorie Produktionswagen.

 

Nach einem spannenden Renntag mit Überraschungssieger kommt schliesslich noch die Sonne heraus. Ein perfekter Abschluss eines tollen Wochenendes. Die Zuschauer danken es mit Applaus und dem "Abklatschen" der Fahrer bei der Rückführung. Glückwunsch an den ASC Bobingen und die vielen Helfer für eine perfekt organisierte Veranstaltung.

Mein Fazit: Mickhausen war wie eine Zeitreise in die oft beschworene "Gute alte Zeit", als alles einfacher und entspannter zu sein schien. Ich kann jedem nur empfehlen, einmal ein Bergrennen zu besuchen. Vielleicht sogar als Helfer oder Streckenposten mitzumachen. Es könnte der Einstieg sein, selbst im Motorsport aktiv zu werden. Und es gibt sie inzwischen nicht nur in den Bergen, die Bergrennen…

 

Das Ergebnis:

1. Romeo Nüssli (CH) Ford Escort Cosworth, 3:05.337 min – 1. E1 Tourenwagen

2. Eric Berguerand (CH) Lola FA99, 3:05.902 – 1. E2 Formelwagen

3. Fabien Bourgeon (F) TracKing Bourgeon Concept, 3:12.109 – 1. E2 Silhouetten

4. Felix Pailer (A) Lancia Delta Integrale, 3:17.520

5. Thomas Conrad (D) CRS MTK S 5/7, 3:20.314 – 1. E2 Sportwagen

6. Nicolas Werver (F) Porsche 997 GT2, 3:20.667

7. Uwe Lang (D) Osella PA20 BMW, 3:21.240

8. Norbert Handa (D) Lancia Delta Integrale, 3:23.100

9. André Wiebe (D) Renault Laguna, 3:23.519

10. Sebastian Schmitt (D) Opel Astra DTM V8, 3:24.063

11. Michael Widmer (CH) Mitsubishi Lancer Evo X, 3:24.092 – 1. Gruppe N

17. Patrick Orth (D) BMW 320iS E30, 3:30.111 – 1. Gruppe H

74. Gabriella Pedroni (I) Mitsubishi Lancer Evo 8, 3:48.338 – 1. Gruppe A

.

Galerie

Bild1 Bild2 Bild3 Bild4
Bild5 Bild6 Bild7 Bild8
Bild9 Bild10 Bild11 Bild12
Bild13 Bild14 Bild15 Bild16
Bild17 Bild18 Bild19 Bild20